29.01.2020 - Kanaren

Frühling unter der spanischen Sonne

Kreuzfahrten mit spanischem Flair sind (noch) ein Geheimtipp. Dabei ist nichts authentischer als eine Kanaren-Kreuzfahrt mit einem Schiff wieder Zenith von Pullmantur.

Samstag in Las Palmas de Gran Canaria, Passagierwechsel bei gleich vier Reedereien. Die riesige Aida Nova dominiert die Skyline, die kleine Marella Dream neben ihr sieht da ziemlich alt aus, die Saga Pearl II sowieso. Ebenso die Zenith am Anleger gegenüber, mein Schiff für die nächsten sechs Tage. Dabei ist sie die Schönste weit und breit. Ihr Rumpf ist strahlend blau, ihr Bug spitz zulaufend, und am Heck hat sie terrassenförmig abgestufte Sonnendecks, wie man sie nur auf Kreuzfahrtschiffen älteren Baujahrs antrifft – die aber wie geschaffen sind für Kreuzfahrten unter der spanischen Sonne. Und das mit gerade mal 1400 anderen Passagieren. Neid auf das schwimmende Hochhaus nebenan mit seinen über 6000 Betten? Keineswegs, denn die kommenden Tage versprechen entspannt zu werden.

„Hola!“, heißt es an diesem sonnigen April-Samstag im Terminal, das mehr ein Zelt und außer mir fast menschenleer ist. Die Formalitäten sind schnell erledigt, und keine Stunde später steht der Koffer an Bord der Zenith vor meiner Kabinentür. Zeit, sich an Bord zu verkriechen? Natürlich nicht. Abfahrt ist erst um 19.30 Uhr, das reicht noch locker für ein paar Stunden in Las Palmas, zumindest für die nähere Umgebung des Schiffs in Santa Catalina.

Die Zenith macht sich am Abend mit Ziel Teneriffa auf den Weg. Um 17 Uhr hatten sich bereits die internationalen Gäste für eine Einführungsveranstaltung im Theater eingefunden, auf dem spanischen Schiff sind sie aber eindeutig in der Minderheit. „Spanische Lebensfreude & Kreuzfahrterlebnis“ nennt dies die Reederei, da-zu gehört auch das All-inclusive-Konzept des spanischen Anbieters, das die Trinkgelder genauso einschließt wie die meisten Getränke. Deutsch und Englisch hört man aber dennoch an Bord, schließlich werden die Reisen von Pullmantur europaweit vermarktet. Darüber hinaus ist auf dieser Reise ein 250 Mann/Frau starkes Kontingent von Nomadcruise an Bord, eines weltweiten Netzwerks von „Digital Natives“. Die Ein-Personen-Unternehmen werden in den nächsten Tagen vor allem die Disco Luz de Luna mit „private events“ belegen und fallen an-sonsten vor allem dadurch auf, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit und selbst beim Essen praktisch mit ihren Laptops, Tablets und Smartphones verwachsen sind.

Das Auslaufen aus Las Palmas findet unterdessen kaum Beachtung, was daran liegen mag, dass es mitten während der ersten Essenssitzung im Restaurant stattfindet. Die Abendshow hingegen ist mit 20.45 Uhr so angesetzt, dass die Gäste beider Sitzungen sie erleben können. „Thank you for the Music“ lautet heute ihr Motto, es stehen ABBA-Songs auf dem Programm. Laut und bunt geht es dabei zu, und natürlich ist auf einem spanischen Schiff der Abend um 21.30 Uhr noch lange nicht zu Ende. Denn da beginnt in der Pura Vida Lounge auf Deck 7 gerade mal das erste von drei Livemusik-Sets, die diesmal tatsächlich spanisch angehaucht sind. Salsa-, Samba- und Rumba-Rhythmen erfüllen bis ein Uhr nachts das Schiff, was man auch dann mitbekommt, wenn man der Darbietung nicht in persona beiwohnt. Zumindest wenn die eigene Kabine direkt darunter auf Deck 6 liegt, ist nämlich auch noch die Einschlafmusik „all-inclusive“…

„Teneriffa ist ein anderer Planet“, verheißt das Tages-programm am nächsten Morgen. Na klar, der Vulkan Teide thront über der Insel, mit 3700 Metern der höchste Berg Spaniens und darüber hinaus eingebettet in einen Nationalpark. Der fünfstündige Aufstieg zum Gipfel gilt als schwierig, doch es führt auch eine Seilbahn hinauf. Andere Exkursionen führen in den Loro Parque, den berühmtesten Zoo Spaniens, sowie nach Puerto de la Cruz im Norden der Insel.

Doch auch in Santa Cruz kann man locker einen ganzen Kreuzfahrttag verbringen. Die Außentemperatur steigt schnell auf die angekündigten 18 Grad, perfekte Bedingungen also für einen Landgang, ohne gleich ins Schwitzen zu kommen. Gut zu Fuß sollte man aber trotzdem sein, denn Santa Cruz ist weitläufig und zieht sich vom Hafen terrassenförmig den Berg hinauf. Zunächst führt uns der Weg aber am Yachthafen vorbei zum Auditorio de Tenerife. 2003 gebaut, finden in dem monumentalen Konzerthaus Musikaufführungen von Weltgeltung statt. Von außen sollen die weißen Betonbögen Muschelschalen symbolisieren, innen ist der Klang einmalig. Rings um das Gebäude lässt es sich außerdem herrlich unter Palmen am Wasser flanieren, der azurblaue Atlantik liegt direkt zu Füßen des Bauwerks. Klar, dass das Auditorio auch ein beliebter Treffpunkt für die einheimische Bevölkerung ist.

An diesem Sonntag geht es in Santa Cruz entspannt zu. Dazu tragen nicht zuletzt die vielen Parks bei, in denen Musiker oder ganze Bands ihr Können zum Besten geben. Egal, ob der große Parque La Granja, die Plaza del General Weyler oder der Parque Municipal – Santa Cruz kommt erstaunlich grün daher, und wenn einem dann auch noch Gitarren- oder Trompetenmelodien in den Ohren klingen, ist zwischen Palmen, Sukkulenten und Kakteen der Kreuzfahrtalltag für ein paar Stunden fast vergessen. Überdies findet unten am Hafen direkt vor der Estación Marítima eine Oldtimer-Show statt, komplett mit Bierzelten, Fantreffen und, na klar, einer Bühne mit Livemusik.

Neben Las Palmas de Gran Canaria ist auch Santa Cruz de Tenerife Ein- und Ausschiffungshafen für die Kreuzfahrten von Pullmantur, so richtig komplett sind wir also erst heute. Am Abend hört man an Bord jetzt auch russische Stimmen, und das mit dem spanischen Charakter der Zenith ist auch so eine Sache. Der Kapitän ist Ukrainer, der Hotelmanager Franzose und der Chefkoch Deutscher. Auch die übrigen „Department Heads“ stammen nur gelegentlich aus lateinamerikanischen Ländern. Der Restaurant-Manager ist Rumäne, der Food and Beverage Manager Südafrikaner und der Chief Engineer Bulgare. Die Zenith ist also ein wahrlich internationales Schiff, da ist es ganz normal, dass die englischen Durchsagen mal mehr und mal weniger gut verständlich sind und dass die eine oder andere deutsche Übersetzung im Tagesprogramm für ein Schmunzeln sorgt. Gleiches gilt für mein Bad, als ich vom Landausflug zurückkehre. Dort stehen nämlich Zahnputzbecher, Odol, Sonnencreme und Deo so ordentlich in Reih
und Glied, wie ich es selbst nicht schöner hinbekommen hätte!

Die Zenith war nicht immer schon ein spanisches Schiff. Stattdessen markierte sie Anfang der 1990er Jahre zusammen mit ihrer Schwester Horizon den Beginn der damals noch jungen Reederei Celebrity Cruises. Das Paar kam aber schon bei seiner Ablieferung vergleichsweise traditionell daher. Statt eines pompösen Atriums verfügten Horizon und Zenith über eine Lobby im Art-déco-Stil, und ein zweigeschossiges Restaurant besaßen sie genauso wenig wie Balkonkabinen. Dafür liegt ihr Bootsdeck auf Deck 8 ungewöhnlich hoch bzw. sind am Heck sämtliche Außendecks über Treppen miteinander verbunden – ein Traum für alle Freunde frischer Luft und entspannter Stunden an Deck. Im „Berlitz Guide“ erhielt die Zenith kurz nach ihrer Indienststellung die begehrten fünf Sterne, womit das Schiff in einer Liga mit den Neubauten von Princess Cruises und Holland America Line spielte. 2007 fand die Zenith dann bei der spanischen Reederei

Pullmantur Cruceros eine neue Heimat. Von den fünf Sternen aus dem Jahr 1992 sind ihr im Jahr 2019 allerdings nach diversen Umbauten nur noch drei geblieben. Eine Passagierin spricht im Telefonat an Deck von ihr als „Mittelklasse“-Schiff, worauf man sich vermutlich gut einigen kann. Mein Kabinenbett muss mittlerweile ohne Nachttisch und Nachttischlampe auskommen, was leider auch die fünf Kissen darauf nicht gutmachen können. Der Zahnputzbecher im Bad ist ein Einwegplastikbecher, statt eines Seifenspenders liegt ein Stückchen Kernseife bereit, und die Handtücher sind in einfachem Mausgrau gehalten, ohne Reedereiemblem oder Muster. Dafür ist die Kabine mit einem Flachbildfernseher ausgestattet, neben dem Schreibtisch gibt es noch eine kleine Sitzecke mit Stuhl und Glastisch, und auch der Stauraum in den Schränken ist noch so üppig bemessen wie vor 25 Jahren.

Arrecife auf Lanzarote erreicht die Zenith just, als sich am nächsten Morgen die letzten dunklen Wolken des nächtlichen Gewitters verabschieden. Sie machen einem mystischen Sonnenaufgang Platz, der die Lava-Landschaft der Insel abwechselnd in Gold- und Dunkelbraun taucht. Am Anleger gegenüber liegt schon die riesige Mein Schiff 2, vor uns bringen kleine Fischerboote ihren nächtlichen Fang ein. Ich mache mich gleich nach dem Frühstück zu Fuß auf in Richtung Innenstadt, ein Weg von immerhin fünf Kilometern, da der Fährhafen, wo die Zenith festgemacht hat, etwas außerhalb liegt. Zunächst geht es zum Castillo de San José, dann weiter zum Castillo de San Gabriel.

Letzteres wurde im 16. Jahrhundert praktisch in die Lagune vor Arrecife hinein gebaut, was jedoch diverse Korsaren und Piraten nicht davon abhielt, Arrecife zu plündern und zu zerstören. Danach dauerte es weitere 200 Jahre, ehe 1779 das Castillo de San José fertig wurde, da allerdings hatte Lanzarote bereits ganz andere Probleme: Dürren, Hungersnöte und die Folgen mehrerer Vulkanausbrüche auf der Insel. Heute lebt das Vulkan-Eiland zwar wie alle Kanarischen Inseln überwiegend vom Tourismus, wer Lanzarote arglos googelt, erhält jedoch die viel sagende Antwort: „Lanzarote ist die traurige Insel der Arbeitslosen.“ Einen Eindruck davon bekommt man an der Muelle Chico, wo ältere Herren in einem Hafencafé Domino spielen oder in ihrer „El País“ blättern. Touristen halten sich eher rund um den Charco de San Ginés auf, den hübsch restaurierten alten Fischereihafen von Arrecife. Hier laden Tapas-Bars und Eisdielen zum Verweilen ein, Blickfang ist das elf Meter lange Skelett eines Brydewals, der 1995 vor Teneriffa gestrandet war. In den subtropischen Gewässern rund um die Kanarischen Inseln werden diese und andere große Wale häufig gesichtet. Ob wir vom Deck der Zenith später auch noch welche zu sehen bekommen?

Wir lassen die Kanarischen Inseln am Nachmittag in strahlendem Sonnenschein hinter uns. Auf dem vollen Pooldeck spielt für eine Weile eine Live-Band zum Abschied, aber das ist nichts gegen die Dauerbeschallung, die man auf den Mega-Kreuzfahrtschiffen unserer Tage mitunter ertragen muss. Ein wenig exklusiver und ruhiger haben es nur die Gäste des Pullmantur-Bonusprogramms „Waves“. Ihnen steht nicht nur unter Deck mit dem „Waves Club“ eine eigene gemütliche Lounge gleich gegenüber der Bibliothek zur Verfügung, sondern im vorderen Bereich des Sonnendecks auch eine abgetrennte Zone an der frischen Luft. Ansonsten ist auf den weitläufigen Außendecks der Zenith reichlich Platz für jedermann. Auf der Außenterrasse des „Brasa Grill“ ist ein wohlbeleibter Mann selig über den Resten seines Mittagessens eingeschlafen, auch das ist Kreuzfahrt unter der spanischen Sonne. Ich mache es mir am Nachmittag ebenfalls unter dem Sonnendach am Heck gemütlich, mit Blick auf das Fahrwasser und einem iPod im Ohr, auf dem die Musik noch ein bisschen älter ist als unser Schiff. Mit elf Knoten Fahrt lässt die Zenith dabei die Insel La Graciosa an Backbord liegen. Wale sehen wir leider keine, dafür schaukelt das Heck im Takt der Wellen gemütlich auf und ab. Als ich mich am späten Nachmittag in die klimatisierte Kühle des Schiffsinneren begebe, hält der dicke Mann immer noch sein Verdauungsschläfchen.

Wer in einer Situation wie dieser das Tagesprogramm aus der Handtasche ziehen möchte, um sich einen Überblick über das weitere Geschehen an Bord zu verschaffen, hat auf den Pullmantur-Schiffen übrigens ein Problem. Denn besagtes Bordprogramm gibt es auf der Zenith nicht mehr in Papierform, sondern nur noch als Download für das Handy. Man will Papier sparen, eigentlich eine löbliche Sache. Praktisch ist das Procedere allerdings nicht, denn auf diese Weise sitzt man den halben Abend vor dem Smartphone, ohne so recht zu wissen, ob der Download für den nächsten Tag schon zur Verfügung steht oder nicht. Und von derlei abhängig sein will man ja im Urlaub gerade einmal nicht, oder? Außerdem hat es auch so seine Tücken, wenn man an Deck oder auch an Land nur schnell ein Detail aus dem Bordprogramm nachschlagen will, stattdessen aber in der gleißenden Sonne auf dem Handy-Display überhaupt nichts erkennt, die winzige Schrift des Kleingedruckten schon gar nicht.

Die Kleiderempfehlung für heute Abend lautet „tropisch“. Na toll, ausgerechnet an ein Hawaiihemd habe ich beim Packen nicht gedacht. Aber ein einfarbiges tut es zum Glück auch, selbst wenn diverse Damen tatsächlich stilecht mit Blumengirlanden um den Hals und die Herren im bunten Hemd das Restaurant „Atlanticó“ aufsuchen. Letzteres ist übrigens nicht mal halb voll und auch der Lautstärkepegel angenehm – ein Vorteil der Entzerrung, wenn abends auch das Buffet-Restaurant seine Dienste anbietet. Dabei lohnt es sich sehr, den auf der Bordkarte aufgedruckten Tisch aufzusuchen. Das Essen ist köstlich, wobei man zwischen der Standard-Menükarte und jenen Speisen wählen kann, die ein eingesteckter Beileger als regionale Spezialitäten des Tages ausweist. Auch die Portionen sind groß. Ob es daran liegt, dass Pullmantur im Gegensatz zur italienischen Konkurrenz keine milliardenschweren Neubauprogramme finanzieren muss?

Auch am nächsten Morgen scheint bereits früh die Sonne über dem Atlantik – ideale Voraussetzungen, bei der höchst wohltuenden Abwesenheit jeglicher Pool- oder
anderer Animation einen kompletten Seetag lesend an Deck zu verbringen. Die türkise Bemalung des Bodens und der Reling mag das Schiff jünger erscheinen lassen, als es tatsächlich ist, und das achtere Sonnendeck dem Ambiente einer griechischen Inselfähre verdächtig nahekommen – am Ende sind es genau diese Einfachheit und Leichtigkeit, die den meisten Mega-Kreuzfahrtschiffen unserer Tage fehlen. Einzig der knurrende Magen meldet sich alle paar Stunden zu Wort, doch selbst dann ist es zum Buffet-Restaurant nie weit. Ein Stück Lasagne, dazu ein Tropfen Wein, mehr braucht es an einem herrlichen Seetag wie diesem gar nicht zum Glücklichsein.

Es ist noch dunkel, als die Zenith früh am nächsten Morgen in Marokkos größter Stadt und wichtigstem Seehafen Casablanca einläuft. Weithin sichtbar ragt der beleuchtete Turm der Hassan-II.-Moschee in den dunklen Himmel, ansonsten prägen Hochhäuser, Container-brücken und Frachtschiffe das Bild. Casablanca ist ein Moloch: Dreieinhalb Millionen Einwohner umfasst die Stadt, knapp sieben Millionen der Großraum Grand Casablanca-Settat. Auf die Idee, sich diese Stadt so wie Arrecife oder Santa Cruz de Tenerife zu Fuß erschließen zu wollen, kommen nur Verrückte – so laut, dreckig und unübersichtlich ist das Straßengewirr der Metropole. Wer hier nicht buchstäblich unter die Räder geraten oder sich hoffnungslos verlaufen will, ist gut beraten, einen organisierten Ausflug zu buchen.

Unsere Fremdenführerin auf der knapp fünfstündigen Tour ist eine rüstige ältere Dame mit pechschwarzer Hidschab und enormen Sprachkenntnissen. Immer bei ihr: das kleine laminierte Kärtchen im Scheckkartenformat, das sie als offiziell anerkannte Führerin ausweist und uns somit Zutritt zu Örtlichkeiten verschafft, die nicht einmal der einheimischen Bevölkerung zugänglich sind. Die kleine Markthalle, die wir zuerst besuchen, nachdem wir den Bahnhof und einen mit toten Hühnern beladenen Lieferwagen links liegen gelassen haben, gehört indes nicht dazu. Korbwaren aller Art gibt es hier zu kaufen, aber auch allerlei sonderbares Getier, welches das Meer rund um Casablanca hergibt, sowie natürlich Obst, Gemüse und Gewürze aus der Region. Denn auch wenn in Casablanca und Umgebung 80 Prozent der Industrie Marokkos angesiedelt sind, ein großer Teil der erwerbsfähigen Bevölkerung des Landes ist immer noch in der Landwirtschaft tätig. Die Katzen, die zwischen den Ständen herumhuschen, sind allerdings eher an dem Fisch interessiert, der hier mitunter für sie abfällt. Sie seien alle „well cared for“, wird uns versichert. Dann geht es auch schon wieder in den Bus und in der Morgen-Rushhour auf die Schnellstraße Richtung Hassan-II.-Moschee.

Besagte Straße wird gerade aufwändig unter die Erde verlegt, sodass das Chaos darüber einstweilen noch größer ist als sonst ohnehin schon. Auch „Rick’s Café“ auf der anderen Straßenseite ist im Moment halb hinter einem Bauzaun versteckt. Wer sich aber grämt, den berühmten Schauplatz aus dem Film „Casablanca“ mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman nicht aus nächster Nähe sehen zu können, dem sei gesagt, dass das Café in der marokkanischen Hafenstadt nur eine Kopie ist. Eine Amerikanerin hat es 2004 errichten lassen, das „Original“ und somit Vorbild war in diesem Fall die Hollywood-Kulisse.

Kurze Zeit später erreichen wir das Hauptziel unseres Ausflugs, die Hassan-II.-Moschee, so benannt nach dem König von Marokko zur Zeit des Baus des Gotteshauses. Errichtet zwischen 1986 und 1993, ist die Moschee gleich in vielerlei Hinsicht einzigartig. Sie ist nicht nur eines der wenigen großen Gotteshäuser des Islam, die auch Nicht-Muslimen offenstehen, sondern auch das einzige seiner Art, welches auf Land gebaut wurde, das man dem Meer abgerungen hat. Die Brandung des Atlantiks umtost so die Hassan-II.-Moschee, deren Fundamente auf Betonpfeilern ruhen, die fest im felsigen Meeresgrund vor Casablanca verankert sind. 10.000 Arbeiter haben das gigantische Bauwerk in 80 Millionen Arbeitsstunden vollendet.

Entstanden ist dabei ein Gotteshaus von überwältigender Schönheit. In die Fassade der Moschee sind marmorne Springbrunnen eingelassen, filigrane Mosaike zieren die Wände, wohin man blickt, und das Hauptportal ist aus purem Gold. Fast alle verwendeten Baumaterialien (inklusive der Decken aus Zedernholz und des Fußbodens aus Marmor) stammen aus Marokko, eine Ausnahme musste man nur beim weißen Granit und bei den Kronleuchtern aus feinstem Murano-Glas machen. Doch das Innere der Moschee verschlägt einem nicht nur aufgrund der Schönheit der Kuppeln, Wände und Gewölbe den Atem, sondern auch durch seine schiere Größe. 25.000 Menschen haben in der Hassan-II.-Moschee Platz, 80.000 weitere in den anliegenden Gebäuden und auf den Plätzen rings um das Gotteshaus. Nicht zuletzt deshalb gilt das Bauwerk als drittgrößtes seiner Art auf der Welt, nur die Moscheen in Mekka und Medina fassen mehr Gläubige. Einen einsamen Rekord hält sogar das Minarett der Moschee, es ist mit 210 Metern Höhe das größte weltweit. Von seiner grün verzierten Spitze strahlt nachts ein Laserstrahl gen Mekka, auch wenn die Zenith zu dieser Zeit längst schon wieder auf See und unterwegs nach Cádiz ist.

Am Abend bleiben im Hauptrestaurant erneut viele Plätze frei, sogar Fensterplätze. Dabei ist allein schon der fabelhafte Caesar’s Salad den Besuch wert. Außerdem haben die Kellner auch heute wieder jede Menge Zeit für Späße mit den Kindern an den Nebentischen. Die an mich gerichtete Frage „How was your cruise?“ ist dagegen nur eine Floskel vor dem wenig dezenten Hinweis auf den anstehenden Bewertungsbogen. Der sei „very important“, versichert man mir, sodass ich mir gar nicht ausmalen möchte, was eine schlechte Bewertung für den armen Kerl bedeuten könnte. „Just put 10“, rät er mir, und ich tue am nächsten Tag wie geheißen.

Cádiz ist am nächsten Tag das genaue Gegenteil von Casablanca. Die Stadt, die zu den ältesten Europas gehört, blickt auf eine lange Geschichte zurück und hat sich vielleicht gerade deshalb den Charme der Vergangenheit bewahrt. Im 11. Jahrhundert v. Chr. von den Phöniziern gegründet, ist Cádiz noch heute an drei Seiten vom Meer und einer trutzigen Stadtmauer umgeben. Das phönizische „Gadir“ bedeutet so viel wie „Festung“, und ebenjene war unter phönizischer, karthagischer und römischer Herrschaft praktisch uneinnehmbar. Erst im Mittelalter überfielen Westgoten und Wikinger die Stadt. Der neuerliche Aufschwung ließ jedoch nicht lange auf sich warten, denn als Amerika entdeckt war, entwickelte sich Cádiz schnell zu Spaniens Umschlaghafen Nr. 1 für den Handel mit der Neuen Welt. Heute prägen daher viele barocke Kirchen und weitläufige Plazas, aber auch enge Kopfsteinpflastergassen mit kleinen Geschäften das Bild der Altstadt, in der man schnell die Zeit vergisst. Zum Glück ist es nie weit zum Wasser, wo das Castillo de San Sebastián und das Castillo de Santa Catalina über den Golf von Cádiz wachen. Wer es verträumter mag, wandelt unter den Orangenbäumen im ebenfalls am Wasser gelegenen Parque Alameda de Apodaca. Auch der alten Markthalle mit ihren Fisch-, Obst- und Gemüseständen sollte man unbedingt einen Besuch abstatten. Ein einziger Frühlingstag in Cádiz reicht am Ende gar nicht aus, um die Schönheit dieser einzigartigen Stadt in all ihren Facetten zu erleben.

Ein letztes Mal für diese Reise macht die Zenith am Nachmittag die Leinen los. Und ein letztes Mal schaffen die digitalen Nomaden das Kunststück, Meeting, Essen, Trinken, Smalltalk, Networking, Workout und Urlaub gleichzeitig stattfinden zu lassen. Am Abend werden sie zu zwölft grölend in den Whirlpools sitzen, offenbar war ihre Nomadcruise ein Erfolg. Kapitän Norenko signiert derweil stoisch die Fotos vom Gala-Abend – ein Service, der auf größeren Schiffen allein logistisch gar nicht zu leisten ist.
Auch den letzten Abend im Restaurant darf man noch einmal in vollen Zügen genießen. Und wenn man nach dem Dessert gerade aufstehen will, werden noch mal Wasser und Wein bis obenhin nachgeschenkt. Diese Momente sind es, die von der Zenith in Erinnerung bleiben – einem Schiff, das noch nicht so riesig ist, dass man sich ständig verläuft, aber dennoch so weitläufig, dass man immer irgendwo ein ruhiges Plätzchen in einem Sessel oder Liegestuhl findet. Denn eine Kreuzfahrt mit spanischem Flair bedeutet neben den gelegentlichen Salsa- und Rumba-Rhythmen vor allem dies: Entspannung, Siesta, spät essen, abends lange aufbleiben, ein Sonnenuntergang bei einem Glas Rotwein. Und das zum vergleichsweise kleinen Preis. Als am letzten Abend im Theater die 80er-Jahre-Party steigt, geht es an Bord noch einmal laut, bunt und fröh-
lich zu. Dabei könnte „Movida en los 80“ nicht nur das Motto der Show, sondern auch des gesamten Kreuz-fahrt-Konzepts von Pullmantur sein. Denn die Zenith bringt einen in ein Kreuzfahrt-Zeitalter zurück, in dem es noch nicht nur um Wasserrutschen, Kart-Bahnen und Lasertag-Arenen auf See ging, sondern um das Erlebnis Schiffsreise: tagsüber fremde Häfen und Länder entdecken, auf See die Seele baumeln lassen und abends das Erlebte bei einem Glas Wein Revue pas- sieren lassen. Was könnte es Schöneres geben?

Text und Bilder: Kai Ortel

Artikel teilen:

Kommentieren: