24.03.2020 - Göta-Kanal

Und überall ist Bullerbü

Die Fahrt auf der MS Diana durch Göta-Kanal und Ostseeschären ist eine Reise durch Bilderbuch-Schweden.

Bereits vor der Einschiffung am Packhuskajen hinter dem Casino Cosmopol in Göteborg riecht es nach besten schwedischen Backwaren: Durch ein geöffnetes Kombüsen-Bullauge steigt den zukünftigen Passagieren der MS Diana der betörende Duft von frischgebackenen Zimtschnecken, Nussecken und Kirschplunder in die Nase und macht sofort Appetit auf mehr. Vor dem Schiff stehen Kapitän, Kreuzfahrtleitung sowie der Maschinist und begrüßen jeden an Bord gehenden Gast mit Handschlag. Gleich nach der Einweisung auf der kleinen, aber gemütlichen Kabine durch Matrose Lukas gibt es im Restaurant Kaffee, Tee und endlich auch, frisch aus dem Ofen und noch warm, die Gebäckteilchen.

Die 1931 in Dienst gestellte MS Diana ist das letzte in Schweden gebaute Dampfschiff und stammt aus einer Zeit, als man beim Material noch nicht sparen musste wie im auf Kosteneffizienz und Shareholder Value getrimmten Heute. Da es damals auch nur wenig Plastik und Kunststoffe gab, wurde im Inneren des Schiffs viel dunkles Holz verbaut, auf Außendeck und Umläufen liegt Teakholz. Die mit kleinen Glasfenstern unterteilte Flü-geltür des Restaurants ist aus Mahagoni mit Drehknöpfen aus Messing, aus dem auch das Geländer der Treppe nach unten zu den Kabinen im Hauptdeck gefertigt ist. Der große Jugendstil-Spiegel an der Stirnwand hängt über einer Holzanrichte, auf der das Gebäck hübsch drapiert ist. Bänke, Sessel und Stühle sind mit schweren roten Polstern bezogen, Schirmlampen an den Wänden strahlen warmes Licht aus, die Fenster sind mit roten Vorhängen geschmückt, auf den runden Vierer-, Sechser- und Achter-Tischen liegen gestärkte weiße Leinentischdecken und -servietten, glänzendes Besteck ist eingedeckt, und frische Wiesenblumen sorgen für einen bunten Akzent. Seidentapeten und ein dicker Teppich runden das gemütliche Ambiente ab.

Von Anfang an fühlen sich die Passagiere auf dem Nostalgieschiff wohl, die MS Diana strahlt den Charme, die Ruhe und Entschleunigung der guten, alten Zeit aus: ein großartiges Ambiente. Kein Wunder, dass das historische Schmuckstück im Jahr 2009 durch das Nationale Maritime Museum Schwedens unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Einigen Passagieren ist nicht ganz klar, warum sie für einen größtenteils engen Kanal eine Seenotrettungsübung absolvieren sollen, wo man doch nahezu vom Schiff an Land springen könnte. Doch die ist erstens Vorschrift, und zweitens fährt die MS Diana auch durch große Seen wie Vänern, Vättern oder Viken, auf denen es bei schlechter Witterung schnell ungemütlich werden kann, sowie entlang der Ostseeküste bis Stockholm. Nach dem Ablegen geht es vorbei an der historischen Viermastbark „Viking“, die als Museums- und Restaurantschiff im Göteborger Hafen vertäut ist, hinaus auf den Göta älv. Die gotische Elbe, so die deutsche Übersetzung, führt zum Trollhättan-Kanal, der wiederum bis zum Vänernsee geht, an dessen anderem Ende bei Sjötorp der Göta-Kanal anfängt. Die Strecke des Kanals erstreckt sich über 190,5 Kilometer, dabei passiert das Schiff einen Fluss, drei Kanäle, fünf Seen, 66 Schleusen sowie 50 Brücken und überquert zwei Aquädukte.

Die ersten beiden Stunden ist noch viel Industrie am Ufer des Göta älv. Sobald das Schiff aber den Speckgürtel Göteborgs verlassen und die erste von 66 Schleusen erreicht hat, ist nur endlos weites Land zu sehen. Und so geht es die gesamte Fahrt weiter – bis zur Ostseeküste.

Rundherum nur Grün, Grün, Grün: Schilfwälder und dichte Baumreihen direkt am Ufer, billardgrüne Wiesen mit Schafen, saftige Weiden, auf denen Pferde und Kühe grasen, nur unterbrochen von goldenen, wogenden Getreidefeldern, dazu Wälder und Haine, zwischendurch graue Felsen als Rahmen und die in Gelb oder im typi-schen Ochsenblutrot bemalten Holzhäuschen mit weißen Fensterläden und Verandapfosten als weitere Farbtupfer – alles ist wie zum Greifen nah! So sehen sie aus, die Klischeebilder von Südschweden in Werbebroschüren und Reiseführern, nur dass dies hier nicht alles mit Photo-shop retuschiert und auf Hochglanz gebracht worden ist. Das Vorzeige-Bilderbuch da draußen ist real: Überall ist Bullerbü.

Der Trollhättan-Kanal führt mitten durch die namensgebende kleine Stadt, mit Büro- und Wohnhäusern am Ufer. An der Schleusentreppe, die mit ihren vier Stufen 32 Höhenmeter überwindet, ist in einer idyllischen Anlage das Museum zur Geschichte des Göta-Kanals eingerichtet. Warum hat man einen Kanal mitten durchs Land gebaut, wenn Schweden doch von drei Seiten an Meere grenzt? Eine große Abkürzung kann ein enger Wasserweg mit vielen Schleusen bei der geringen Entfernung von Nord- zu Ostsee, zeitlich gesehen, kaum sein. Ein Grund für den Bau des Kanals lag darin, dass Schwedens Handel auf der Schifffahrt beruhte. Die Routen von einer Küste zur anderen führten aber durch dänische Hoheitsgewässer, und die lieben Nachbarn erhoben seit 1429 Zoll für alle Passagen. Der Öresund war damals so profitabel, dass der Volksmund ihn in „Kronensund“ umtaufte. Denn selbst wenn die Ware im Inland verschoben wer-den sollte, zum Beispiel von Stockholm nach Göteborg, mussten die Schiffe durch den Öresund, und es wurden Zölle fällig. Das sollte der Kanal verhindern.

Vier Jahrhunderte lang war über diese Verbindung quer durch das Land nachgedacht worden. Aber erst Staatsrat Baltzar von Platen konnte nach zehn Jahren Planung und der Anwerbung privater Investoren König Karl XIII. im April 1810 von seiner Vorstellung überzeugen, Segelboote auf den Äckern der Bauern fahren zu lassen. Noch im selben Jahr startete der Bau, 22 Jahre lang gruben 58.000 Soldaten, bewaffnet nur mit einem Spaten, die Fahrrinne per Hand durch die malerische Landschaft. Zwanzig Jahre lang, bis 1832, wurde an dem Kanal gebaut. Die Soldaten schafften 87 Kilometer künstlichen Wasserweg, die übrigen Passagen der ins-gesamt 190,5 Kilometer gehen durch Flüsse und Seen. Fotoapparate waren noch nicht erfunden, aber im Kanal-museum hängt ein großes Gemälde von Schwedens größter Baustelle. Auf dem Bild vom Königsbesuch sind im Hintergrund einige Details der Bauarbeiten zu erkennen: Pferde ziehen und mahlen Steine, Soldaten schlagen mit Spitzhacken den Boden auf, andere schaufeln die Erde weg – es sieht nach irrsinniger Schinderei aus. Gearbeitet wurde jeden Tag von 4 bis 21 Uhr, pro Woche und Mann gab es 4 Kilogramm Brot, je 1,2 Kilogramm Hering, Schinken und Wurst sowie 1,25 Liter Branntwein als Ration. Irgendein Historiker rechnete nach, und so wird der Göta-Kanal von Spöttern auch die 8-Millionen-Liter-Branntwein-Straße genannt.

Die tatsächlichen Kosten wurden dagegen nie komplett errechnet, sicher ist nur: Die privaten Investoren sahen ihr Geld nie wieder. Baltzar von Platen starb 1829 und bekam so die Vollendung seines Lebenswerkes nicht mehr mit. Die feierliche Eröffnung und Einweihung durch König Karl XIV. Johann fand am 26. September 1832 statt. Rund hundert Jahre lang blieb der Kanal elementarer Überführungsweg, bis auch in Schweden die Eisenbahn zum wichtigsten Transportmittel avancierte. Der Grund für die niedrige Tiefe, schmale Breite sowie die Länge der Schleusenkammern von 32 Metern ist ein militärischer: Man wollte fremden Kriegsschiffen den Zugang ins Landesinnere unmöglich machen. Der vermeintliche Feind saß damals wie heute im Osten: Die russischen Kriegsschiffe waren im 19. Jahrhundert alle mindestens 34 Meter lang.

Die MS Diana, die 1912 gebaute MS Wilhelm Tham sowie die 1874 in Dienst gestellte MS Juno, das älteste noch betriebene Kreuzfahrtschiff der Welt, wurden extra für die Bedingungen auf dem Kanal gebaut und 2001 von der Unternehmensgruppe Strömma gekauft, einem schwedischen Tourismuskonzern mit rund 30 Marken. Der Kanal und 50 Meter breites Land vom jeweiligen Ufer gehören der staatlichen Kanalgesellschaft und somit dem König. Damit auf den Wiesen und zwischen den Bäumen das Unkraut nicht wild wuchert, hat man staatliche Rasenmäher angeschafft: Im Auftrag Seiner Majestät weiden tausende von Schafen überall entlang dem Kanal.

Bei der Einfahrt in den Vänernsee wird es unruhig und ziemlich schaukelig. Starker, böiger Wind peitscht das Binnengewässer auf. Jetzt kann die MS Diana zeigen, was sie kann. Ruhig reitet sie die schaumgekrönten Wellen ab, trotz des geringen Tiefgangs. Die Gischt spritzt bis ans Ruderhaus, die Scheibenwischer verrichten Schwerarbeit. Und ein Teil derjenigen, die am eindringlichsten nach dem Sinn der Seenotrettungsübung gefragt hatten, erscheint nicht mehr zu den Mahlzeiten. Der Seegang ist so stark, dass Schloss Läckö, das auf einer Landzunge im Vänernsee liegt, nicht angelaufen werden kann. Den besten Blick auf den auf einem Felsen thronenden Bischofspalast aus dem 17. Jahrhundert hat man sowieso vom Wasser aus. So sind die einzigen Enttäuschten die drei lokalen Fremdenführer, die dem Schiff vom kleinen Anleger aus zuwinken.

Mit einem Gong, der bereits am zweiten Tag einen Pawlowschen Reflex auslöst, schlagen die Kellnerinnen Katharina und Ida zum Essen. Morgens gibt es ein reichhaltiges Frühstücksbuffet, mittags und abends einen festen Speiseplan mit zwei bzw. drei Gängen. Koch Anders beweist dabei eindrucksvoll, dass die schwedische Küche weit mehr kann als Köttbullar oder Graved Lachs, auch wenn die beiden Köstlichkeiten natürlich ebenfalls auf den Speisekarten mit den historischen Plakaten der Kanal-Reederei stehen: In der Kombüse unter dem Restaurant zaubert Anders so auch Rote-Beete-Tatar mit Ziegenkäsecreme, honigkandierten Kräutersprossen und Knusperbuchweizen oder Västerbottenkäsetasche mit Rogen der Vänern-Muräne und Sauerrahm als Vorspeise, langgebackene Hochrippe mit gebratenen Hochkartoffeln, eingelegten Zwiebeln, Senfsahne und Meerrettich und mit Pflaumen gebackenes Schweinefleisch mit kümmelgewürztem Karottenpüree, Pilzen und Speckwürfeln in Portweinsoße als Hauptgericht sowie Zitronenfrischkäsekuchen mit Himbeeren und Salzlakritz als Nachtisch.

Die 42 Passagiere, darunter 18 Deutsche, sind mittlerweile komplett entspannt und entschleunigt, es gibt kein TV oder Radio, keine Bordunterhaltung wie Theater oder Kino, und Handys sollen eigentlich nur in der Kabine oder an Land benutzt werden. Aber ein Stück weit hat man sich auch bei diesem Nostalgie-Trip auf moderne Zeiten eingestellt: Es gibt WLAN an Bord, und zwar ziemlich schnell und stabil. Zwölf Besatzungsmitglieder kümmern sich liebevoll um die Gäste. Jeden Tag hält Kreuzfahrtdirektorin Susann, die aus Österreich kommt und seit Jahrzehnten in Schweden lebt, kurze Vorträge zu Sehenswürdigkeiten des Kanals auf Englisch, Schwedisch und Deutsch.

Kapitän Ola Wikander ist mit seinen 67 Jahren eigentlich schon Rentner, aber er fährt, wie er sagt, aus lauter Freude an den Schiffen weiter. Die Saison mit der MS Diana ist für den Stockholmer wie Urlaub. Zwölf Tage auf dem Schiff, zwölf Tage zu Hause, so sieht von Mai bis September sein Leben aus. Wer denkt, Kanal fahren bedeutet immer einfach nur geradeaus und der Uferbegrenzung folgen, irrt: Es gibt überraschend viele Krümmungen oder Kurven, und die Navigation ist durch Strömung, Druck und Saugkraft des Wassers an einigen Stellen heikel. Hier gilt es, exakte Punkte zu treffen, um nicht in flaches Fahrwasser oder gar in die Böschung zu geraten. Im Spetsnäskanalen muss ein Matrose an Land springen, um das Schiff mit einem um einen Poller gewickelten Tau um eine scharfe Kurve herumzuziehen, die „Schrecken des Steuermanns“ heißt. In den Schleusen helfen weiße Markierungen – ein Viertel, eine halbe, drei Viertel Länge –, die MS Diana richtig zu positionieren. Um die Bordwände nicht zu beschädigen, werden 1,80 Meter lange und 15 Zentimeter dicke Birkenstämme über die Reling gehängt. Etwa 15 werden pro Fahrt verschlissen, die zersplitterten Holzfender gehen als Brennmaterial an Bewohner entlang dem Kanal. Die teils nur sechs Meter breite Fahrrinne stellt Freizeitkapitäne vor so große Herausforderungen, dass es früher eine eigene Rubrik in den Lokalzeitungen gab: „bula och buckla“, was so viel wie Beulen & Dellen bedeutet. Nicht nur deshalb ist der Göta-Kanal ein teures Pflaster für private Fahrten: Für die gesamte Passage muss man bei einer 12-Meter-Yacht für Schleusungen und Anlegegebühren bei Übernachtungen mit rund 1000 Euro rechnen.

Eine Passagierin der MS Diana musste gar mit ihrem Leben bezahlen, zum Glück nur im Krimi: Die A1 wird die „Mörderkabine“ genannt, denn das schwedische Autorenpaar Sjöwall/ Wahlöö wohnte auf selbiger Kabine und ließ den ersten Band ihrer Krimireihe um Kommissar Beck, „Die Tote im Götakanal“, auch auf dem Schiff spielen. Das Buch, das im Original „Roseanna“ heißt, handelt vom Verschwinden einer amerikanischen Touristin, deren Leiche in einer Schleuse des Kanals gefunden wird. Die Frau im Buch hatte ein reales Vorbild, wie Maj Sjöwall in einem Interview erzählte: „Als wir das erste Mal mit der Diana auf dem Kanal gefahren sind, war auch eine sehr hübsche amerikanische Studentin an Bord, die auch meinem Mann gefiel. Da habe ich gedacht, die muss ich irgendwie verschwinden lassen.“ Neben Sjöwall/Wahlöö haben viele andere berühmte Schriftsteller den Göta-Kanal auf einem der drei historischen Schiffe bereist, darunter Hans-Christian Andersen, Mark Twain, Henrik Ibsen, Astrid Lindgren oder Selma Lagerlöf.

In den pittoresken Schleusenwärterhäuschen wohnen die Namensgeber schon lange nicht mehr. Die Schleusenwärter sind nur noch Teilzeitkräfte und zu 80 Prozent weiblich: viele Studentinnen, aber auch Hausfrauen, die sich etwas dazuverdienen. Die Schleusenwärterhäuschen stehen alle mit der kurzen Seite zum Kanal, dort war das Schlafzimmer untergebracht. So konnten die Schleusenwärter die Schiffe auch aus dem Bett sehen, schnell aus den warmen Federn springen und selbst zu nächtlicher Stunde die Schleusen öffnen. Vor zwanzig Jahren wurden einige der pittoresken Schmuckstücke mit Wassergrundstück an Privatpersonen verkauft. Mittlerweile versucht die Kanalgesellschaft sie zurückzukaufen und als Ferienhäuser zu vermieten.

In Forsvik, der ältesten Schleuse Schwedens, die 1607 eingeweiht wurde, wartet seit 1920 die Familie Kindbom bei jeder Durchfahrt auf eines der drei Göta-Kanal-Schiffe. Elf Menschen – von Kindern bis zum 90-jährigen Urgroßvater – begrüßen die Gäste mit Gitarren und Gesang im Namen des Herrn. Die Gäste der MS Diana werden diesmal auf dem falschen Fuß erwischt: Statt gen Himmel wird das Schiff abwärts in den Schlund der Schleuse gesenkt – auffahren können nur die Passagiere, die den Kanal von der anderen Seite ab Stockholm bereisen. Überall, wo die Diana auftaucht, bleiben am Ufer die Menschen stehen. In den Schleusen warten oft ganze Gruppen. Das historische Schiff mit seinem weißen Anstrich, dem vielen dunklen Holz und dem schwarzen Schornstein mit dem gelben Wappen ist bei älteren Menschen ein beliebtes Fotomotiv. Auf den vielen Selfies der Jüngeren scheint nicht ganz klar zu sein, wer eigentlich der Star ist.

Die größte Touristenattraktion am Göta-Kanal ist wohl die Schleusentreppe von Berg am Roxensee, wo die Schiffe in sieben hintereinander liegenden Schleusen einen Höhenunterschied von 18,80 Metern überwinden. Für die Passagiere bleibt nicht nur genügend Zeit, das Manöver ausführlich zu betrachten, sondern auch für einen Spaziergang zum nahe gelegenen Nonnen-kloster Vreta, dem ältesten in Schweden. Das Zisterzienserkloster wurde 1162 von König Karl eingeweiht, die Schwester des Königs, Ingegerd, wurde Äbtissin. Fortan wurden hier VIP-Nonnen erzogen und die Töchter des Hochadels unterrichtet. Einige blieben bis zu ihrem Tod im Kloster, diejenigen, die nicht verheiratet werden konnten. Die frommen Damen mussten ein Gelübde ablegen: Sie durften nur eine einzige Stunde pro Tag reden und mussten den Rest schweigen. Völlig schleierhaft, warum unter dieser Voraussetzung keine geeigneten Ehekandidatinnen herangezogen wurden. Das gegenseitige Anschweigen scheint aber auch zu schlechter Mund-zu-Mund-Propaganda geführt zu haben, denn 1582 musste das Kloster nach dem Tod der letzten Nonne aufgelöst werden. Das Klostergemäuer fand immerhin Verwendung, die Steine wurden zum Bau des Doms von Norrköping genutzt.

Neben großartiger Landschaft gibt es auf der Reise viel zu entdecken: in Mariestad die Kathedrale und die am besten erhaltene Altstadt Schwedens mit Holzhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, in Motala das Motormuseum mit vielen Oldtimern und die Motala-Werkstätten, bei denen sogar Jules Verne in seinem Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ Kapitän Nemo Teile für sein U-Boot bestellen ließ. Noch heute spricht man in Schweden von „Motala-Qualität“, auch die Kanalschiffe MS Wilhelm Tham und MS Juno wurden hier gebaut. In Söderköping hat man vom Hausberg einen fantastischen Blick auf die MS Diana sowie über die Altstadt und – nach 321 Stufen treppauf, treppab –garantiert Lust auf eines der vielen Eiscafés am Ufer. Für Technikfreunde sind die vielen Roll-, Klapp- und Drehbrücken für Straßen- und Eisenbahnquerungen und die beiden Aquädukte, die die MS Diana überquert, hochinteressant. Die Aquädukte erwiesen sich bei der Modernisierung als Problem, der Beton leckte, und das Wasser lief auf die darunterliegenden Straßen. Man bekam die Wände einfach nicht dicht, bis ein Ingenieur auf die Idee kam, in die alten Unterlagen und Pläne von Platens zu schauen. Der alte Baumeis-ter hatte ein Gemisch aus Lehm, grobem Sand und Wasser verwendet und das genaue Verhältnis niedergeschrieben. Fortan hielten die Aquädukte dicht.

Nach der Schleuse Mem verlässt die MS Diana den Göta-Kanal und fährt in die Ostseebucht Slätbaken. Entlang der Küste geht es bis Södertälje und von dort in den Mälarsee nach Birka. Das einzig noch erhaltene Stadtgelände der Wikinger ist UNESCO-Weltkulturerbe. Das im 8. Jahrhundert gegründete Birka war damals die größte Stadt Skandinaviens mit mehr als 1000 Bewohnern. Früher standen hier 600 Lehmhäuser, heute sind nur noch die Umrisse des Geländes erkennbar. Rund 3500 Gräber sind im Halbkreis um die im Jahr 970 aufge-gebene Stadt verteilt. Bei der Einfahrt nach Stockholm, erst durch den Schärengarten, dann direkt auf die Altstadt mit der Anlegestelle zu, stehen die Passagiere an Deck und genießen zum letzten Mal die wunderbare Aussicht. Beim Aussteigen stehen Kapitän und Mannschaft wieder parat und verabschieden die Gäste mit Handschlag, während Passanten vorbeieilen, Autos hupen und Taxis und Lkws die Straße entlangdonnern. Nach all der herrlichen Idylle fühlt sich das Großstadtgewimmel ziemlich fremd an.

Text und Bilder: Ingo Thiel

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