10.09.2020 - Unterwegs mit dem Expeditionsschiff QUEST der Reederei Adler-Schiffe

Expedition vor der Haustür – an der Nordseeküste

Von Hamburg über Helgoland, Sylt, Amrum, Föhr, Hallig Langeness, Hallig Hooge und zurück.

Gebannt blicken die Passagiere der Quest auf dutzende Seevögel, die auf Armlänge und nur durch Drahtseile getrennt ohne Scheu oder Aufregung sitzen und sich putzen oder ihre Jungen füttern. Helgoland mit dem Lummenfelsen, Deutschlands kleinstes Naturschutzgebiet, ist das erste Ziel der fünftägigen Expeditionskreuzfahrt durch das norddeutsche Wattenmeer, die erstmals durchgeführt wird. Hier können die Gäste die „Big Five“ Helgolands ganz aus der Nähe betrachten: Basstölpel, Eissturmvogel, Tordalk, Trottellumme und Dreizehenmöwe. Diese Seevögel brüten nur in Deutschland, der Tordalk sogar nur auf Helgoland.

Am Lummenfelsen auf Helgoland, gleich neben der „Langen Anna“, kommt man bis auf Armlänge an die Basstölpel heran.

Den Seevogel-Felsen kann man sich wie ein Mehrfamilienhaus vorstellen: Im Penthouse sitzen die Basstölpel, eine Etage tiefer in Felsnischen die Trottellummen, darunter wohnt auf Vorsprüngen der Tordalk und im Souterrain der Eissturmvogel, der mit bis zu 60 Jahren Lebenserwartung der Klippen-Opa ist. Darüber, im Erdgeschoss, haben die Möwen ihren Imbiss. Denn aus den Nestern der oben wohnenden Nachbarn fallen immer mal wieder Eier oder Jungvögel und landen direkt auf dem Möwen-Buffet. Der Basstölpel ist ein Zugezogener, erst in den 1990-er Jahren hat sich das erste Brutpaar angesiedelt. Mittlerweile gibt es mehr als 1500 Brutpaare, die von ihren Zügen zurückkommen. Männchen und Weibchen sind dabei nach der Brutzeit getrennt unterwegs, bis sie sich zur neuen Paarung wiedertreffen.

Lange Wanderungen, wie hier auf der Helgoländer Düne, ersetzen bestens das nicht vorhandene Sportprogramm an Bord.

Klingt nach einem interessanten Konzept? Nun, irgendetwas ist ja immer, in diesem Fall ist die Rückkehr des Partners nicht garantiert. Vor allem die Weibchen scheinen den Verlockungen besserer Wohnlagen in schickeren Gebieten nicht abgeneigt zu sein. Selbst wenn er im Penthouse lebt, kann das Leben bei der Rückkehr aus dem Süden also eine böse Überraschung bereithalten, und der arme Tölpel kann sein Single-Dasein noch nicht einmal genießen, weil die Art an sich monogam ist. Unter Umständen dauert es zwei, drei Jahre, bis ein neues Weibchen von den eigenen Vorzügen überzeugt werden kann. Mit etwas Pech geschieht dies mehrfach, sodass der Basstölpel während seines 30-jährigen Daseins auch die Nachteile serieller Monogamie erfahren muss. 

Weiter Horizont, leichte Brise, endlose Dünenlandschaft mit Farbklecks: Abseits vom Prommi-Rummel ist Sylt nicht nur schön, sondern auch liebenswert.

Die Passagiere sind von der Vogelvielfalt überwältigt, und auch Sven Paulsen, Inhaber der Reederei Adler-Schiffe auf Sylt, die diese Nordsee-Expedition anbietet, ist restlos begeistert: „Ich war schon zigmal auf Helgoland, aber immer geschäftlich. Bis hier oben habe ich es noch nie geschafft – das ist ja ein Traum!“ Ein lang gehegter Traum geht für Paulsen mit dieser Expeditionskreuzfahrt in Erfüllung. Schon lange wollte er diese Reise anbieten, doch das unternehmerische Risiko war zu hoch. Die Gelegenheit ergab sich, weil das schwedische Reiseunternehmen, das die Questsonst chartert und in Grönland und Spitzbergen einsetzt, wegen der Corona-Krise alle Fahrten abgesagt hatte. Das Schiff, das dem norwegischen Veranstalter Arctic Travel Company gehört, lag seit Februar am Pier in Tromsø. Flottenchef Christian Kruse, der als Expeditionsleiter mit an Bord ist, hatte eine ähnliche Idee wie Paulsen und suchte eigentlich nach Vertriebspartnern in Deutschland, als er mit dem Adler-Chef telefonierte. Der 60-Jährige wollte diese Kreuzfahrt aber lieber selbst anbieten. Drei Tage wurde verhandelt, dann war man sich einig, und Kruse kam drei Wochen zur Vorbereitung nach Sylt. 

Die Kabinen sind komfortabel und entweder mit Doppelbett oder zwei Einzelbetten ausgestattet. Es gibt auch Drei-Bett-Kabinen.

Dass er einen Verlust einfahren wird, war Paulsen vorher klar, aber er sah die Chance, die Marktfähigkeit dieser Kreuzfahrt zu testen: „Vielleicht rede ich mir das schön, aber eine Markterkundung kostet auch Geld, und so habe ich reale Werte statt Umfragen oder Studien.“ Darum ist für Paulsen die Kundenzufriedenheit an Bord auch weit wichtiger als die Auslastung: „Wir hatten ja nur einen sehr kurzen Vermarktungszeitraum, bei normaler Marktlage können wir sicher 30 Prozent mehr Auslastung erreichen.“ Paulsen setzt dabei auch auf das riesige Potenzial, das die Reederei Adler-Schiffe besitzt, die 27 Fähren und Ausflugsschiffe an Nord- und Ostsee mit rund einer Million Fahrgäste pro Jahr betreibt: „Wenn nur fünf Prozent unserer Kunden buchen, wären diese Expeditionsreisen über Jahre ausverkauft.“ Natur- und Umweltschutz spielt bei der Fahrt durch ein so sensibles Gebiet wie das UNESCO-Biosphärenreservat Wattenmeer eine noch wichtigere Rolle als ohnehin schon.

Mitten im Naturschutzgebiet Nord-Sylt erklärt Tine Wecker den Gästen der Quest exklusiv Deutschlands einzige Wanderdüne.

Neben der Genehmigung vom Nationalparkamt Wattenmeer wurden darum auch wichtige Naturschutz-Vereine aus der Region in die Planung und Umsetzung miteinbezogen: „Wir haben mit der Schutzstation Wattenmeer, dem Erlebniszentrum ‚Naturgewalten‘ und vielen Trägern gesprochen und halten uns an alle Auflagen, sonst könnte ich mein Ausflugsgeschäft ja auch dichtmachen.“ Außerdem fährt die Questauf diesen Touren mit normalem Straßendiesel, der wesentlich sauberer als Schiffsdiesel ist. Die wichtigste Auflage war, mit den Zodiacs nicht in die Stufe-1-Schutzzonen und bei Hochwasser nicht auf die Sände zu fahren, weil dies die letzte Rückzugsmöglichkeit für die Tiere darstellt. 

Da im Wattenmeer ein Abstand von 100 Metern zu den Tieren gehalten werden muss, aber dieser auf der Helgoländer Düne nur 30 Meter beträgt, kommt man dort ohnehin viel näher heran. Am Südstrand liegt Deutschlands größte Kegelrobbenkolonie träge in der Sonne. Es ist kaum vorstellbar, dass das bis zu 300 Kilo schwere, größte Raubtier Mitteleuropas an Land eine Spitzengeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern schafft, wie Damaris Buschhaus vom Verein Jordsand, dem ältesten Naturschutzverein Deutschlands, erklärt.

Mit den Zodiacs, die auch für Tier- und Naturbeobachtungen genutzt werden, geht es an Land, bevor die Tagestouristen nach Helgoland kommen.

Das Raubtier mit seinen imposanten Zahnreihen ist gut von den ebenfalls hier liegenden Seehunden zu unterscheiden – nicht nur, weil Robben größer werden und in der Regel dunkler gezeichnet sind, sondern auch durch ihr Verhalten. Während Kegelrobben wie ein nasser Sack im Sand liegen, krümmen Seehunde beim Liegen oft ihren Körper wie eine Banane, sodass Kopf und Schwanz sich in der Luft befinden.
 Krummlegen mussten sich auch Expeditionsleiter Christian Kruse und die Crew der Quest: Ebenso wichtig wie Umweltschutz ist in diesen Zeiten das von den Behörden vor-gegebene Hygienekonzept, das so umfangreich war, dass zahlreiche Überstunden anfielen. Bevor es am Hamburger Terminal Steinwerder an Bord geht, stehen Fiebermessen sowie das Desinfizieren von Händen und Koffergriffen an. Die Passagierzahl wurde von maximal 56 auf 47 reduziert. 

Man muss nicht in Schutzgebiete: Seehunde sind auf Helgoland, wo ein Mindestabstand von nur 30 Metern herrscht, viel besser zu beobachten.

An Bord herrscht in allen Innenräumen bis auf die eigene Kabine Maskenpflicht. Außerdem sollen die Passagiere auf Gängen, in Treppenhäusern sowie beim Einsteigen ins Zodiac einen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einhalten. Im Restaurant und auf den Zodiacs gibt es fest zugewiesene Plätze, sodass maximal vier bzw. im Zodiac, das normalerweise zwölf Mitfahrer fasst, sechs Personen in einer Gruppe sind.

Sobald man im Restaurant und in der Panorama-Lounge auf Deck 3 seine Plätze eingenommen hat, darf man die Masken ablegen. In allen öffentlichen Räumen hängen Desinfektionsspender, die Zahl der Tische in Restaurant und Lounge wurde reduziert, sodass Sicherheitsabstand gewährleistet ist. Die Bedienungen tragen immer Maske und Handschuhe, das Essen wird serviert, auch das Frühstück wird à la carte gereicht. Im Restaurant wurden durchsichtige Plastik-Trennscheiben zwischen benachbarte Bank-reihen gehängt und selbst die blauen Tischdecken ausgetauscht, weil sie nicht in die Kochwäsche können. 

Keitum auf Sylt wartet mit pittoresken Reetdachhäusern und herrlicher Blumenpracht auf.

Nach der obligatorischen Sicherheitsübung startet die Hafenrundfahrt, die nur mit Ausnahmegenehmigung möglich ist. An den Docks von Blohm+Voss vorbei, in Richtung Landungsbrücken mit Michel, „Cap San Diego“ und „Rickmer Rickmers“ im Blick, geht es zum eigentlichen Highlight: Vor der Elbphilharmonie wird ein längerer Fotostopp eingelegt, bevor das Schiff dreht und elbabwärts dem Sonnenuntergang und Helgoland entgegenfährt.

Dort hat am Abend, nach den langen Ausflügen auf Düne und Lummenfelsen, Küchenchef Jay eine Überraschung parat: Es gibt bis zum Sonnenuntergang ein Barbecue an Deck mit allerlei Köstlichkeiten. Die kommen auch stets während des Mittags- und Abendessens auf den Tisch. Es stehen drei Hauptgerichte zur Wahl, besonders lecker sind die regionalen Spezialitäten wie Nordsee-Scholle, Sylter Labskaus oder Matjes, außerdem gibt es immer ein vegetarisches Gericht.

Im Restaurant wurden aktuell durchsichtige Trennscheiben gehängt, Tische reduziert und sogar die blauen Tischdecken ausgetauscht.

Auf Sylt, wo die Questam nächsten Tag vor List auf Reede liegt, hat Sven Paulsen ein Heimspiel. Die Fülle des Ausflugsprogramms erschlägt einen fast: Spaziergang zu den Wanderdünen, Exkursion zu den Austernbänken, Besuch der Lister Austernkompanie, Kutterfahrt zu den Seehunden, Meerestierbestimmungen, Fahrradtour nach Keitum, Kulturführung, Fahrt mit einem Oldtimer-Bus nach Hörnum, Muschelessen im Hafen, an Bord der Questentlang der malerischen Westküste mit der Adler-Fähre am Abend nach Amrum, wo das Expeditionsschiff auf Reede liegt. Die Tour zur 25 Meter hohen, oberen Wanderdüne im Naturschutzgebiet Nord-Sylt darf nur von Guides vom Erlebniszentrum Naturgewalten zehnmal im Jahr durchgeführt werden.

Küchenchef Jay hat immer wieder gelungene Überraschungen parat: Die regionalen Spezialitäten sind genauso erstklassig wie sein Barbecue.

Die einzigen Wanderdünen Deutschlands, die über einen Schaf-Trampelpfad erreichbar sind, bekommen die Gäste der Questso exklusiv zu sehen. Bis zu 3,6 Meter pro Jahr, also etwa einen Zentimeter am Tag, bewegt sich die Wanderdüne Richtung Meer. Etwas schneller geht es auf der gemütlichen Radtour zu. Das Lunchpaket für die Passagiere, die längs über die Insel radeln wollen, hat es nicht rechtzeitig bis zur Radstation geschafft. Das Problem löst Expeditionsleiter Christian schnell und elegant: Für jeden gibt es ein Fischbrötchen von Deutschlands bekanntestem Fisch-Großgastronom und ein Getränk. In Keitum mit seinen pittoresken Reetdachhäusern wartet ein Magirus-Bus, Baujahr 1950, und bringt die Radler nach Hörnum, wo am Hafen zur Stärkung drei Muschel-Variationen aufgetischt werden. 

Die gemütliche Panorama-Lounge ist verglast, so dass für Beobachtungen ein 270-Grad-Blick möglich ist.

An Bord hält das Expeditionsteam Vorträge. Neben Christian Kruse sind Ornithologe Reinhard Vohwinkel und die Wattenmeer-Spezialistin Mandy Thieme an Bord. Der als „Meisterfänger“ bekannte Vohwinkel ist in Beringer-Kreisen ein internationaler Star und Deutschlands einziger professioneller Vogelfänger. Das Wattenmeer ist eine der letzten naturbelassenen Großlandschaften in Europa und eines der weltweit wichtigsten Gebiete für Zugvögel: Zehn Millionen machen dort jedes Jahr Station. Die ständige Nährstoffzufuhr macht Deutschlands letzte Wildnis nach dem Amazonas-Regenwald zum produktivsten Lebensraum der Erde: Rund 5000 Pflanzen- und Tierarten leben hier.

Die Halligleute nennen ihr Gotteshaus scherzhaft „Recycling-Kirche“, weil Bänke und Taufbecken angespült wurden.

Mit dem Zodiac geht es auf die Hallig Langeness zur Salzwiesenwanderung und auf die Hallig Hooge. Noch ist es auf der bekanntesten Hallig, die 90.000 Tages-touristen im Jahr empfängt, absolut idyllisch. Einer der vielen Vorteile dieser Expeditionsreise ist, dass man 2,5 Stunden vor Ankunft der ersten Fähre auf Hooge vollkommen in Ruhe Warften, Salzwiesen und Sehenswürdigkeiten wie Königspesel und Kirche anschauen kann. Die Halligleute nennen ihr Gotteshaus „Recyclingkirche“, denn Holz, Kirchenbänke und auch Taufbecken von St. Johannis wurden angeschwemmt und stammen aus bei der Großen Sturmflut 1634 untergegangenen Kirchen Nordfrieslands.
Voller Eindrücke sitzen die Passagiere am letzten Abend bei Friesentorte in der Panorama-Lounge zusammen und lassen die Erlebnisse bei einer Fotoshow des Expeditionsteams Revue passieren. Der 70-jährige Christoph Jähn aus Freiburg bringt die einhellige Meinung der Gäste auf den Punkt: „So ein vielfältiges Programm könnte man sich selber doch gar nicht zusammenstellen. Dinge wie die Wanderdüne auf Sylt bekommt man normalerweise ja gar nicht zu sehen. Was wir in dieser kurzen Zeit erlebt haben, war absolut traumhaft.“

Die Friesentorte! Am letzten Abend der Reise gibt es zur Fotoshow in der Panaorama -Lounge noch mal eine Leckere Überraschung.

Dabei hat Reeder Sven Paulsen sogar noch einen weiteren, viel größeren Traum: „Ich würde diese Reise gerne ausweiten und durch das gesamte Wattenmeer mit allen 25 Inseln und Halligen fahren, vom dänischen Fanø über die Nordfriesischen und Ostfriesischen Inseln bis ins niederländische Texel.“ Dazu müsste der Adler-Chef eines der eigenen Schiffe mit wenig Tiefgang zu einem Expeditionsschiff für 80 bis 100 Passagiere umbauen. Dann wären zwei siebentägige Touren denkbar, die auch miteinander kombiniert und von April bis Oktober abwechselnd in beide Richtungen gefahren werden könnten. Neben der einzigartigen Natur des Wattenmeeres und den touristischen Highlights der ausgesuchten Inseln und Halligen stünde dann auch die friesische Kultur und Sprache auf dem Programm.                                           

Text: Ingo Thiel, Fotos: Ingo Thiel, Shutterstock (1), Infografik: www.AxelKock.de für Azur

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